Arbeiten im Gesundheits- und Pflegebereich

Innerhalb des sich stetig in Bezug auf Beschäftigungsangebote und Bedarf ausweitenden Sektors von Gesundheit, Pflege, Betreuung und Prävention zeigen sich Entwicklungen und Tendenzen, die nur durch eine sehr differenzierte Betrachtung und Darstellung allen darin Beteiligten gerecht werden kann. Wir können hier nur auszugsweise auf diese Thematik eingehen – zudem sind die Ausprägungen in den einzelnen Ländern der teilnehmenden Projektpartner sehr unterschiedlich.

Besonders spannend sehen wir aber die Tatsache, dass innerhalb der Projektpartnerschaft auch Organisationen aus den „jüngeren“ EU-Mitgliedsstaaten eingebunden sind. Wird doch gerade in westlichen Staaten oft ein sehr eindeutiges Verhältnis dargestellt: das qualifizierte Personal aus diesen Ländern wandert in (Nachbar)Staaten mit höherem Lohnniveau ab. Allerdings könnte man dies auch anders formulieren: das auf primär eigene wirtschaftliche Vorteile ausgerichtete Versorgungssystem in westlichen Staaten profitiert von qualifiziertem Personal, das aus den (benachbarten) Ländern mit niedrigerem Lohnniveau abgezogen wird.

Der Gesundheitssektor ist einem starken Veränderungsprozess ausgesetzt und gleichzeitig stehen alle in diesem Bereich beschäftigten Menschen besonderen Anforderungen gegenüber. Höhere Lebenserwartung der Menschen, aber auch sich verändernde Gesellschaftsstrukturen, werden eine Zunahme an qualifiziertem Personal zur Pflege, Betreuung und Versorgung von alten, mehrfacherkrankten und/oder -behinderter Menschen nach sich ziehen. Gleichzeitig wandeln sich auch die Anforderungen der einzelnen Berufsbilder: für den gehobenen Dienst der Gesundheits- und Krankenpflege werden in Zukunft die Schwerpunkte noch viel mehr auf Gesundheitsförderung, Prävention, Aufklärung, Beratung, ..., sowie Case- und Caremanagement liegen. Generell kann man sagen, dass der Sektor Gesundheit, Prävention, Pflege, Betreuung, Versorgung, .... zwar europaweit im Wachsen (sowohl von der Anzahl der Nachfragenden als auch der fachspezifischen Qualität der Angebote) ist, gleichzeitig sind nach wie vor Berufsbilder und Ausbildungen in diesem Bereich noch weit von europaweit einheitlich geltenden Standards entfernt. Zudem wirkt sich in zahlreichen Ländern der Trend zur verstärkten Wahrnehmung von Körper, Gesundheit, Krankheit und diverser Präventions­möglichkeiten, .... auch auf eine Schaffung und Steigerung von Nachfrage nach „neuen“ Dienstleistungen in diesem Bereich aus. Damit erweitert sich der traditionell auf die Pflege von kranken, beeinträchtigten und alten Menschen fokusierte Berufssektor um viele weitere Berufsbilder von Dienstleistungen, die ihre Angebote nicht mehr ausschließlich auf Genesung oder Pflege reduzieren.

Während die Diskussion der letzten Jahre innerhalb der Europäischen Gemeinschaft neben demographischen Fragestellungen sich u.a. auch damit beschäftigte, einheitliche Standards für Ausbildungen und damit eine länderübergreifende Durchlässigkeit für Berufstätige in diesem Bereich zu erreichen, erzwang in manchen westlichen Staaten (v.a. Österreich) der Betreuungs- und Versorgungsengpass Politik und Öffentlichkeit zu einer unmittelbaren und heftig geführten Auseinandersetzung. Lösungen wurden bis dato noch keine erreicht. Aber es wurde auch in der Öffentlichkeit einmal mehr deutlich, welch großen Betreuungsaufwand bisher meist weibliche Familienangehörige übernahmen und welche Auswirkungen ein Ausbleiben oder Wegfall dieser auf das Pflegesystem hat. In dieser Diskussion wurden auch die Arbeitsbedingungen des Pflegepersonals thematisiert und die Forderung nach verbindlichen Regelungen zum Schutz dieser ArbeitnehmerInnen aufgestellt. Mit dieser Auseinandersetzung wurde ersichtlich, wie zwiespältig die Situation und der Umgang mit Personal innerhalb der Pflegeberufe sind. Während es als anstößig und unmoralisch gilt, Pflegepersonen mit 2-Wochen-Schichten (d.h. permanente Anwesenheit und Verfügbarkeit in der Wohnung der Pflegebedürftigen) auszubeuten, wird dennoch in erster Linie nach monetären Kriterien entschieden – die für die Geldbörse billigere Lösung wird ungeachtet aller anderer Kriterien gewählt. Das heißt die Interessen der ArbeitgeberInnen rücken in den Vordergrund und damit ein Diskurs um deren Schutz und Absicherung – die Situation der anderen Seite dieser Dienstverhältnisse (die immer mehr von MigrantInnen eingenommen wird) erfährt dabei, wenn überhaupt, nur periphär eine Beachtung. Somit richten Mehrheitsgesellschaften den Fokus zur Bewältigung der damit verbundenen Herausforderungen darauf, den Pflegebedürftigen ihrer Gesellschaften entsprechend dem letzten Stand medizinischer und pflegetheoretischer Entwicklungen adäquate Versorgungen anzubieten und dabei primär wirtschaftliche Faktoren im Sinne einer kostengünstigen, aber doch qualitativ hochwertigen Pflegeversorgung zu berücksichtigen. Damit wiederholen sich für Personen, die diese Pflege ausführen, jahrhundertelang bekannte Ungleichheiten und Formen der Ausbeutung. Denn der Bereich der Versorgung, Betreuung und Pflege von Kindern, kranken, beeinträchtigten und alten Menschen ist gekennzeichnet durch:

  • hoher zeitlicher Aufwand, einschließlich der häufigen Notwendigkeit einer Rund-um-die-Uhr Bereitstellung der Dienstleistungen
  • besondere physische und psychische Belastungen
  • hohe Flexibilität
  • permanente Fortbildung – entsprechend der Entwicklungen im fachspezifischen Bereich, sowie der Standards. (Verfügbarkeit von Ressourcen für Weiterbildung)
  • ausgesprochen niedrige Wertschätzung für diese Berufe innerhalb der Gesellschaft
  • nach wie vor ist dies ein Bereich, der mehrheitlich von Frauen ausgeübt wird
  • und innerhalb der Gruppe von Frauen wird diese Tätigkeit immer mehr an Migrantinnen augelagert.

Es wiederholt sich damit ein ausschließlich auf mikro- und makroökonomische Vorteile von einzelnen Personen und Gesellschaften ausgerichteter Handel mit Dienstleistungen, der in Österreich trotz zwischenzeitlichen Ansätzen zur politischen Problemlösung, zu einem beachtlichen Teil im Graubereich angesiedelt ist. „..., wird gleichzeitig stillschweigend ein Zustand befördert, den die Soziologin Arlie Russel Hochschild - in Anspielung auf die Bedeutung der emotionalen Komponente in der Pflegearbeit - als "Emotions-Imperialismus" charakterisiert hat: Wie früher Rohstoffe aus Kolonien wird heute Pflegearbeitskraft von wohlhabenden Staaten aus ärmeren Staaten abgezogen. Das "Care deficit" - der wachsende Pflegebedarf in den Zielländern - und die Armut in den Herkunftsländern bewirken weltweit eine Migrationsbewegung von Pflegepersonal in Richtung reiche Staaten. Durch Illegalisierung werden sie dort billig und willig gehalten.

Diese Arbeitsbedingungen werden kaum thematisiert: Eigene betreuungsbedürftige Angehörige müssen zurückgelassen werden, mangels Rechten ist die Abhängigkeit vom Arbeitgeber groß, der Lohn ist gering, die Arbeitsbelastung hoch, der gesellschaftliche Status gering, soziale Absicherung und berufliche Veränderungsmöglichkeiten inexistent (vgl. Hausarbeits-Schwerpunkt in MALMOE 20.“ http://www.malmoe.org/artikel/verdienen/1260) Die Arbeiterkammer Österreich prognostiziert für die Beschäftigungstendenz in diesem Sektor: „Im Vergleich zu anderen Berufsgruppen im Gesundheits- und Sozialbereich ist bei den Pflegekräften nur ein bescheidenes Beschäftigungswachstum zu erwarten. Während die Beschäftigung von Frauen mit +700 zumindest spürbar zunimmt, wird bei den Männern sogar ein Beschäftigungsrückgang prognostiziert. Damit erhöht sich der Frauenanteil in diesem Berufssegment auf über 90%.“

http://www.fwd.at/berufskompass/prognose.php?noteid=35

maiz, 2008